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Katrin

von Peter

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Immer, immer wieder geht die Sonne auf

und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht,

Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf,

denn Dunkelheit für immer gibt es nicht.

(Text: Udo Jürgens / Thomas Hörbiger, Musik: Udo Jürgens – 1967)

Sechs Uhr morgens, es klopft an die Türe. Schichtwechsel, die Schwestern der Frühschicht wollen die Betten machen. Dann kommen Fieberthermometer, Thrombosespritze und, nachdem meine Zimmergenossin und ich uns frisch gemacht haben, irgendwann Visite und Frühstück.

Das Schutzengelchen, welches mich hierher gebracht hat, heißt Katrin. Katrin würde mit ihren Nadeln Wunder bewirken, sagte meine Nachbarin, als ich über die Kopfschmerzen klagte, die von Nacht zu Nacht heftiger wurden. In Katrins Praxis stand ich kaum an der Anmeldung, als ich erbrechen mußte. Und dann wurde mir schwindelig, als sie mich ins Sprechzimmer bat. Auf meine Bitte um Akupunktur schüttelte sie danach nur den Kopf. Stattdessen gab sie mir eine Überweisung für den Radiologen.

Doch damit hatte ich ein Problem: Außer Schreiben habe ich nichts gelernt. Und als Journalistin bin ich auf mich allein gestellt. Wenn schon einmal ein Artikel von mir gedruckt wird, dann zögern die Redaktionen die Abrechnung immer länger hinaus. Inzwischen dauert es Monate, manchmal ein Jahr, bis ich mein Geld habe. Die Krankenkasse kündigte mir schon die Freundschaft, bevor ich das dritte Mal den Beitrag schuldig bleiben konnte. Behandlungen würden nur noch bei akuten Erkrankungen oder Schmerzen gezahlt, hieß es in dem Schreiben. Doch am Telefon meinte der Kassenfuzzi, Kopfschmerzen habe jeder einmal, ich solle gefälligst in die Apotheke gehen und mir Aspirin kaufen. Damit legte er auf.

Katrin schüttelte den Kopf: Nur weil es Aspirin nun schon hundert Jahre gebe, preise man es als Wohlfühlmittel für alle Lebenslagen an. Rezeptfrei sei es sowieso, also essen die Leute das Zeug wie Erdnüsse und wundern sich dann, wenn sie sich irgendwann mit heftigen Magenblutungen auf der Intensivstation wiederfinden.

Über die Honorare solle ich mir keine Gedanken machen. Eine Computertomographie koste auch nicht mehr als eine Serie Akupunktursitzungen. Aber ohne den Befund sei mir nicht zu helfen.

Katrin blätterte in ihrem Notizbuch und diktierte mir die Nummer einer Praxis in der Hamburger Innenstadt. Ich solle mich auf sie berufen. Tatsächlich bekam ich einen Termin noch in derselben Woche. Und als ich in der folgenden die Einweisung von der Krankenkasse abstempeln lassen wollte, wurde ich dort wider Erwarten nicht vor die Tür gesetzt: Meine Rückstände seien doch beglichen, natürlich werde man zahlen. Ich bekam den Mund nicht mehr zu: Wie denn das?

Da konnten nur Katrin und ihre Schwestern die Finger im Spiel haben. Also mußte ich Anke gleich fragen, als sie vorgestern zu mir ins Krankenhaus kam. Sie wollte davon nichts wissen. Aber ihre Augen verrieten, daß sie sich hinter dem Tuch das Lachen nicht verkneifen konnte. Schließlich bat sie mich um meine Wohnungsschlüssel, in der leeren Wohnung über mir sei eine Wasserleitung geplatzt.

Diese Gesichtstücher seien der Preis dafür, daß sie frei von wirtschaftlichen Zwängen für die Patienten arbeiten könnten. So hatte Katrin mir das zu Beginn unseres ersten Gespräches erklärt. Darauf konnte ich mir zwar keinen Reim machen. Aber vom Roten Kreuz wußte ich, daß sie häufig Lastwagenfahrer versorgt, die zwischen Skandinavien und dem Mittelmeer bei uns liegenbleiben. Die haben oft keine Versicherung und müßten sich, wenn sie Katrin nicht aufnähme, auf dem Parkplatz auskurieren. Da wird sie kaum einmal wissen, was man ihr ins Haus schleppt. Andere mögen eben hohe Absätze, hatte ich schließlich geantwortet und Katrin dann noch mit einem Kompliment in Verlegenheit gebracht.

Heute ist Gründonnerstag, der sechste Tag nach der Operation. Mir geht es schon wieder ganz gut. Und heutzutage will jede Klinik an den Feiertagszuschlägen des Personals sparen. Da wird entlassen, wer sich nur irgendwie bewegen kann. Katrin wollte ein Taxi schicken. Stattdessen ruft mich Anke an: Sie steht mit dem Auto am Haus O10, also vor dem Haupteingang der Klinik. Die Autobahn 7 ist von Hamburg bis Neumünster zugeparkt, wie fast immer. Also fahren wir über Landstraßen gen Norden.

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Ich frage sie, ob sie jetzt, wo wir allein im Auto sind, nicht einmal ihr Tuch vom Gesicht nehmen wolle. Anke schüttelt den Kopf. Sie zählt mir die Werte ihrer Gemeinschaft auf: Erstens die Enthaltsamkeit, zweitens das Gebet, drittens die Arbeit. Und das alles in Klausur und dieser Verschleierung.

Nun, meins wäre die sicher nicht. Aber Anke wird wohl ihre Gründe haben.

Ihr Abitur hat sie gerade so bestanden, da studieren die meisten aus purer Verlegenheit irgendwas. Sie wurde Krankenschwester. Nach der Lehre war sie einige Jahre im OP, dabei habe sie sich daran gewöhnt, den ganzen Tag lang eine Maske zu tragen. Die Schichten gingen oft über zwölf Stunden oder länger, das wurde ihr zuviel. Sie hätte zwar eine Stelle als Nachtschwester bekommen können, aber da sei ihr glücklicherweise Katrin über den Weg gelaufen.

In Schleswig biegen wir von der Schnellstraße ab. Anke fährt am Schloß Gottorf vorbei und hält in der Tankstelle hinter der Kreuzung. Während sie mit passendem Geld in der Hand zum Bezahlen geht, blättere ich durch die alte Illustrierte, die jemand hatte im Krankenhaus liegenlassen.

Lady Gaga begann ihre Europatour 2012 in Bulgarien. Die Titelstory beschäftigt sich mit ihrer Ankunft am 11. August am Flughafen von Sofia. Sie erschien verschleiert im neuen Hermès-Kleid:

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Die Illustrierte behauptete, Lady Gaga folge damit Michael Jackson, weil der immer maskiert gewesen sei. So ein Unsinn, die Lady braucht wirklich kein Vorbild, um sich anzuziehen. Und wann ging Jackson das letzte Mal in die Menge, um den Fans Autogramme zu geben? Sie brachte ja auch nicht weniger Leute auf die Beine als er.

Bevor Anke weiterfährt, blättert sie durch die Zeitschrift. Ein schönes Beispiel dafür, wie durch Konzentration auf das Wesentliche aus einem Durchschnittsgesicht eine Schönheit werde.

Das erinnert mich an die Hochzeit meiner Nachbarin im vergangenen Jahr. Am Morgen half ich beim Anziehen. Zu einem Traum in Rosa gehörte ein großes und ebenso passendes Dreiecktuch, wie zu Lady Gagas Hermès-Kleid. Mit ihren Pfunden wolle sie als Braut nur inkognito unter die Leute, erklärte sie mir. Die Standesbeamtin hatte sie zu sich nach Hause gebeten, also band ich ihr diesen Gesichtsschleier dicht unter die Augen. Da blieb er bis zum Abend, denn kaum war ihre kräftige Mundpartie hinter dem Tuch verschwunden, saß vor mir Aphrodite persönlich. Ich hätte mir so eine Verwandlung nicht vorstellen können, auch ihr Bräutigam war völlig hingerissen. Anke zuckt mit den Schultern: Die Veranlagung hätten viele, nur nicht die nötige Phantasie, meint sie. Während ich sprach, schaute sie mir die ganze Zeit ins Gesicht. Mit Piercings wäre bei ihnen kein Blumentopf zu gewinnen, fügt sie hinzu und startet den Motor.

Das mag ja sein, aber was hat das mit mir zu tun? So ein Halbring am Septum mit Stöpseln an den Enden, noch dazu schwarz, drängt ja tatsächlich den Eindruck auf, man hätte kein Taschentuch dabei. An den Lippen sehen die Steinchen aus wie Herpes. Deshalb trage ich meine auf dem Nasenflügel und dazu einen Ring an der Augenbraue.

Anke bleibt mir die Antwort schuldig. Sie bringt mich nicht nach Hause, sondern fährt erst einmal zu Katrins Praxis in Weiche. Also vermute ich, daß mich Katrin jetzt noch vor den Feiertagen sehen will. Sie sei zum Autohof gerufen worden, sagen mir die Glaubensschwestern, die in ihrem Zimmer sitzen. Die eine, Theresa, kommt auf mich zu und begrüßt mich herzlich. Der südländische Akzent paßt zu ihrem Temperament. Etwas kühler gibt sich Sybille, die sich als Rechtsanwältin hier um die Finanzen kümmere, wie mir Theresa erklärt.

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Selbst nach Ankes Erklärungen überrascht mich jetzt der Anblick der beiden, denn ihre Schleier haben keine Augenöffnungen. Der von Theresa geht an den Schultern in einen Umhang über und reicht ihr so bis zum Saum ihres Kleides. Sybilles Kleid beeindruckt mich durch die elegante Schlichtheit seiner Geometrie.

Theresa bietet mir den Stuhl an der Schmalseite des Tisches an und setzt sich an Katrins Platz. Zunächst soll ich ihr von der Operation erzählen. Insgesamt waren es drei Meningeome, die schon eine beachtliche Größe hatten. Das dritte saß am Hirnstamm und verursachte dort zwar keine Schmerzen, war aber drauf und dran, mir das Rückenmark in den Würgegriff zu nehmen. Damit, so meinte der Chefarzt, brauchte ich keine Rentenversicherung. Ich müsse jetzt noch Bestrahlungen bekommen und danach vierteljährlich zur Kontrolle.

Theresa nickt: So hätte sich Katrin das vorgestellt, sagt sie. Meine Krankenkassenbeiträge seien ja bis Mitte des Jahres im Voraus bezahlt. Falls es Komplikationen geben sollte, müsse ich mir keine Sorgen machen. Herrgott, die haben mir wirklich zweitausend Euro ausgelegt! Mir, die kaum noch vom Leihhaus Geld bekommt …

Theresa sagt, sie hätten sich das Haus, in dem ich bislang wohnte, damals vor der Versteigerung einmal angesehen. Daß der Sturm die Fensterscheiben des obersten Geschosses in die Zimmer geblasen habe, wundere sie nun gar nicht. Das Dach undicht, der Keller naß, die löchrigen Regenfallrohre leiteten seit Jahren das Wasser ins Mauerwerk. Ob mir nie der rotbraune Staub im Hausflur aufgefallen sei? Darauf habe der Sachverständige im Gerichtsgutachten explizit hingewiesen und folglich den Verkehrswert des Grundstückes um die Abbruchkosten dieser Ruine gemindert.

Dazu kann ich jetzt nur mit den Schultern zucken: Mit so unsteten Einkünften und ‚pechschwarzer‘ Schufa mußte ich doch froh sein, überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Und wieso spricht sie in der Vergangenheit? Ein Wasserrohrbruch ist doch noch lange kein Grund, auszuziehen.

Sibylle legt drückt mir wortlos das gestrige ‚Flensborg Avis‘ in die Hand. Die Treppe in unserem Haus sei wegen Hausschwammbefalls unter meiner Nachbarin zusammengebrochen, schreibt das Blatt. Falls sie den Unfall denn überlebe, würde sie nach Meinung der Ärzte querschnittsgelähmt bleiben. Der Eigentümer wäre stadtweit dafür bekannt, zwangsversteigerte Immobilien aufzupolieren und sie dann zu verscherbeln. Die Steuerfahndung ermittele, der Mann solle am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt werden. Das Haus sei gesperrt und beschlagnahmt.

Ich bin sprachlos. Die Nachbarin hatte in der Stadt vergeblich eine bezahlbare Wohnung gesucht, um mit ihrem Ehemann zusammenziehen zu können. Und dann das …

Jetzt wird mir auch klar, weshalb der Vermieter mir keinen schriftlichen Mietvertrag geben und die Miete immer nur bar haben wollte. Wenn ich ihm nichts zahlen konnte, hat er mich zwar stets lauthals und unflätig verflucht, aber die rückständigen Mieten noch nicht einmal angemahnt, geschweige denn bei Gericht eingeklagt. Regulär hätte er mich schon längst räumen lassen können …

Wäre ich vorgestern zu Hause gewesen, würde sich die Polizei für die erste Nacht um eine Notunterkunft gekümmert und mich ansonsten ans Sozialamt verwiesen haben. Bis ich jetzt zum Rathaus käme, wäre dort keiner mehr da. Mein Geld reicht gerade, um mir bis zum Monatsende etwas zu essen zu kaufen. Also werde ich mich jetzt dem älteren Herrn anschließen müssen, der wieder hinter dem Südermarkt an der Kirchenmauer zeltet? Das Haus, in dem er nach jahrelangem Berberdasein endlich eine Wohnung fand, ist vor ein paar Monaten abgebrannt.

Ich könne doch bis auf weiteres bei ihnen bleiben, bietet mir Theresa an. Sybille schüttelt den Kopf. Das wäre unfair mir gegenüber. Es sei doch klar, daß sich an meiner Situation nichts ändern werde. Also säße ich hier in der Ungewißheit, am nächsten Tag rauszufliegen. Theresa nickt und schweigt.

Was nun? Enthaltsamkeit, Gebet und Arbeit, die drei Punkte hatten mich kalt gelassen, als sie Anke aufzählte. Der einzige Luxus in meinem Leben sind vernünftige Arbeitsmittel, darüber muß man nicht reden. Eine Journalistin, die Arbeit scheut, ist unvorstellbar. Freilich hatte ich das Beten oft vernachlässigt. Nur die Klausur ließ mich vorhin den Kopf schütteln. Damit kann ich, von Berufs wegen zur Neugierde verpflichtet, nichts anfangen. Wäre die aber so strikt, wie man sich das landläufig vorstellt, dürfte es Katrins Praxis doch gar nicht geben? Ganz zu schweigen davon, daß Anke meinetwegen in den letzten drei Tagen zweimal alleine in Hamburg war ...

Ich hole tief Luft. Hier wird nicht Mikado gespielt. Also fange ich an, aus meinem Leben zu erzählen: Mitte der achtziger ein gutes Abitur gemacht, was aber für den Numerus Clausus der Medizin nicht ganz reichte. Ein Lehramtsstudium in Germanistik, Schwerpunkt ‚Deutsch als Fremdsprache‘, dazu als Nebenfach evangelische Theologie. Das erste Staatsexamen im Fach Pädagogik erfolgreich verhauen, danach Redakteursstellen bei Tageszeitungen gehabt. Immer befristet, dazwischen von der Hand im Mund gelebt. Das ging gut, bis fast alle Verträge in der Branche zu Bratkartoffelverhältnissen degenerierten und, wenn überhaupt, nur noch für die gedruckten Arbeiten bezahlt wurde.

Aber was heutzutage so gedruckt wird, interessiere mich nicht wirklich, vermutet Theresa. Ich nicke: Manchmal fragte ich mich schon, ob man eher vom Bundestag in die Muppet-Show komme oder umgekehrt. Aber meine Arbeiten werden schon noch publiziert. Von wem denn, fragt Sybille weiter. Die Berichte über die Kieler Woche zum Beispiel erschienen bundesweit in zehn Tageszeitungen, davon ist die reichliche Hälfte bis jetzt noch nicht vergütet. Dabei haben wir ja schon wieder Ostern. Es gibt eine Bildagentur, von der hin und wieder ein Foto von mir gezogen wird. Daneben schreibe ich für einen Blog über die Rechtsverstöße in der Arbeitslosenverwaltung, für das Hamburger Straßenmagazin ‚Hinz & Kunzt‘, welches von Obdachlosen verkauft wird und schließlich für einige Kirchenblätter in der weiteren Umgebung. Dann frage ich die beiden rundheraus, was ihre Gruppe denn so macht.

Sie verbringen ihre Tage in Liebe zu ihrem Schöpfer mit sinnvollen Arbeiten, damit sie der Teufel stets beschäftigt finde, antwortet Theresa. Außerdem im Gebet. Beides in Klausur, wie ich ja nun selbst sehen könne.

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Ob sie ihrer Namensvetterin Teresa von Ávila folge, frage ich und weise auf das Bild an der Wand.

Theresa nickt: So, wie sie es in den Konstitutionen beschrieben habe. Die seien ihr Vorbild.

Nach den überlieferten Regeln und Idealen durften die Schwestern ohne Gesichtsschleier weder das Kloster verlassen noch jemanden sehen oder sprechen; bis ins vergangene Jahrhundert auch nicht die eigenen Verwandten. Teresa von Ávila habe mit ihren Schwestern eine ganze Reihe weiterer Klöster gegründet. Auf Reisen, außerhalb des Klosters, durfte das Gesicht natürlich erst recht nicht entblößt werden. Und in dieser Situation seien sie auch jetzt: Die denkmalgeschützte Kirche vor dem Verfall zu bewahren, sei eine gute Entscheidung gewesen. Auch wenn sie auf eine Mauer verzichten müßten, weil die Ansicht des Geländes nicht verändert werden dürfe. Also machten sie aus der scheinbaren Not eine Tugend, lebten wie Teresa auf ihren Reisen ihr Ideal auch in der Öffentlichkeit und feierten sonntags in ihrem Denkmal zusammen mit den Leuten ihre Gottesdienste.

Aber sie würden sich die Fesseln nicht freiwillig anlegen, in denen Teresa durch die damaligen Verhältnisse gefangen war. Sie wollten einfach nur Christen sein. Wie die Communauté de Taizé von Roger Schutz allen Männern, solle ihre Tür für Frauen christlichen Glaubens offenstehen. Und die kämen nicht nur aus Flensburg, sondern aus ganz Schleswig und Sydjylland.

Der Stolz ist Theresas Stimme deutlich anzumerken. Ob sie nicht Angst hätten, daß ihnen der Mob die Fenster einschlagen könnte? Die beiden schütteln den Kopf. Die Leute in Weiche seien froh, daß es die Praxisklinik hier draußen gäbe. Wie schnell man aus dem Krankenhaus verabschiedet werde, wisse ich ja selbst. Viele, auch junge Patienten seien zur Zeit der Entlassung längst noch nicht mobil und allein kaum in der Lage, sich zu versorgen. Theresa macht eine kurze Pause.

Ihre Namensvetterin habe sehr kleine Klöster gewollt. Dreizehn Schwestern, mehr nicht. Das komme ihnen entgegen, schließlich müsse so etwas heute genauso wie damals finanziert werden. Jetzt seien sie zusammen sieben. Katrin und Anke, Katrins Krankenschwester, würde ich ja nun schon kennen. Dann seien noch Lærke aus Tønder, Mireille aus Luetzelbourg und Vera aus Boží Dar hier. Die drei arbeiteten als Übersetzerinnen für Italienisch, Spanisch bzw. Englisch, sie bekämen die Aufträge übers Internet. Mit der deutschen Grammatik und Orthographie stünden sie immer noch fest auf Kriegsfuß. Aber das würden sich doch ändern lassen, antworte ich.

Sybille nickt: Eine Solidargemeinschaft funktioniere schließlich nur, wenn jede etwas dazu beitrage. Und da könne man die wertvolle Zeit eben nicht für Verlage vertrödeln, die selbst das mickrige Honorar noch schuldig blieben. Ihren Abonnenten schenkten die schließlich auch nichts.

Ganz meine Meinung. Nur was tun, wenn man nichts anderes als Schreiben gelernt hat?

Weiterlernen, antwortet Theresa. Katrin habe nur Anke zur Unterstützung und Sybille sei in der Anwaltskanzlei ganz alleine. Wenn ich hier keine Arbeit fände, sei mir nicht zu helfen.

Stimmt zwar, aber natürlich will ich qualifizierte Arbeit abliefern. Die Ausbildungen zur Medizinischen oder Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten dauerten ja nicht ohne Grund drei Jahre. So käme ich mit Mitte Vierzig doch noch zur Ehre eines ordentlichen Berufsabschlusses.

Sybille und Theresa schauen einander an, wenn man das so nennen kann. Denn durch den schwarzen Stoff dürften die beiden voneinander ja nicht mehr als ihre Silhouetten sehen. Theresa schweigt. Sybille meint, sie könne sich gut vorstellen, daß die Gemeinschaft mich im Herbst als Auszubildende einstelle. Aber die Musik spiele bei Katrin, sie selbst brauche nur gelegentlich mal eine Sekretärin. Für die Zeit in der Berufsschule müßten sie mir den Gesichtsschleier natürlich erlassen. Es frage sich nur, ob ich das dann noch gut fände. Vorher wolle sie aber erst sehen, wie ich mich hier einlebe. Daß ich mich ihnen mit Piercings im Gesicht und Tattoos am Arm präsentiere, wäre nicht ganz so toll. Theresa sagt, sie störten sich nicht an den zwei kleinen Steinchen. Aber wenn sie das einmal dulden, könnten sie die Mädels bald an Nasenringen wie die Tanzbären im Zirkus vorführen. Schließlich spräche dann auch nichts gegen Kugellager in den Ohrläppchen und Rasierklingen am Hals. Anke hatte also Recht.

Sibylle legt ein großes, rotes Bandana vor mir auf den Tisch, ich falte es und binde es mir um. Aber Theresa schüttelt den Kopf: Für den Schmuck an den Augen gelte das ebenso. Außerdem wäre es nur beim Arbeiten erlaubt, die Augen frei zu lassen. Eine Novizin trage den Schleier wie ein Gebetstuch. Als Antwort auf meine unausgesprochene Frage knotet mir Sybille das Tuch wieder auf und legt es mir über meine Augen auf die Stirn, so daß ich nichts mehr sehen kann.

 

Daraufhin beginnt Theresa, einen Psalm zu rezitieren:

 

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
Und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn:
Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.

Denn er errettet Dich vom Strick des Jägers
und vor der verderblichen Pest.
Er wird Dich mit seinen Fittichen decken
und Zuflucht wirst Du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
daß Du nicht erschrecken mußt vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

Denn der Herr ist Deine Zuversicht,
der Höchste ist Deine Zuflucht.
Es wird Dir kein Übel begegnen
und keine Plage wird sich Deinem Hause nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen,
daß sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen,
daß sie Dich auf den Händen tragen
und Du Deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Es folgt eine mir ewig erscheinende Stille. Schließlich beten wir alle drei zusammen ein Vaterunser. Dann merke ich, wie Theresa mein Tuch anhebt und ein flaches Gebäckstück an meinen Mund stößt. „Der Leib Christi“, sagt sie dazu. Dann drückt sie mir eine Flasche in die Hand: „Das Blut Christi“. ‚Gottes Schutz‘ ist jetzt sehr passend gewesen, finde ich. Und daß ein Bewerbungsgespräch in ein Abendmahl mündet, habe ich auch noch nicht erlebt.

Vor Gott seien sie alle gleich, deshalb werde zum Beten der Novizenschleier getragen, erklärt Theresa. Damit nimmt sie mir das Tuch wieder von den Augen.

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Sie drückt eine Taste am Telefon. Die Frau, die darauf ins Zimmer kommt, trägt die gleiche Tracht wie Sybille. An der Stimme erkenne ich Anke. Theresa sagt zu ihr, daß ich in das Zimmer im Erdgeschoß einziehen solle. Dann verabschiedet sie sich für heute von mir.

Das in weiß gehaltene Zimmer ist für unsere Verhältnisse sparsam eingerichtet: Ein Krankenhausbett, Tisch, Stuhl und Schrank. In der Ecke ein Waschbecken. An der Wand gegenüber dem Bett Jesus am Kreuz, auf dem Nachttisch Bibel und Gesangsbuch, der Rufknopf und in der Ecke ein Eimer.

Die Krankenzimmer im Haus seien alle so ausgestattet, sagt Anke. Sie zeigt mir die Steckdosen und drückt mir ein Kabel in die Hand. Den Rechner mit einer der Dosen verbinden und dann am Browser das Paßwort eingeben. Vorher packe ich meinen Koffer aus. Glücklicherweise hatte ich mit Komplikationen gerechnet und mich auf zwei Wochen in der Klinik eingerichtet. So besitze ich nun doch noch etwas mehr als nur das, was ich auf dem Leibe trage.

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Ich schaue zur Uhr, nach einer halbe Stunde sollte es Mittagessen geben, die ist fast um. Hinter dem Praxistresen steht eine Tür offen, der Pausenraum. Auf dem Tisch ein Teller mit einer auf Häppchengröße geschnittenen Thunfischpizza, Anke hat Flaschen mit Mineralwasser aufgemacht und Trinkröhrchen reingesteckt. Sie steht an der Anrichte und macht sich ein Smørrebrød mit Lachs.

Ich setze mich an den Tisch und schaue ihr zu. Der spitze schwarze Kopfschleier ist am Rücken etwas länger als vorn an der Brust. Das war mir vorhin bei Sybille gar nicht aufgefallen. Als Anke sich umdreht, schüttelt sie mit dem Kopf. Alles, was sie hier machten, sei Arbeiten und Beten, sagt sie mit gehobener Stimme und schaut mich durch den schwarzen Stoff offenbar vorwurfsvoll an. Ob mir Theresa das noch nicht gesagt habe?

Was Essen und Schlafen in diesem Kontext wären, frage ich. Solange man nicht bei der Arbeit klar und deutlich sehen müsse, wären auch die Augen zu verhüllen, sagt Anke. Hm, daß das Bandana meine Augen noch extra betont, ist ja klar. Das ist offenbar nicht gewollt.

Die letzten Interessentinnen seien alle schon vor dem zweiten Gottesdienst wieder weg gewesen, fährt Anke fort, ohne auf meine Frage einzugehen. Es wäre sehr schön, wenn ich den Verlockungen des Antichristen nicht erläge, denn sie hätte irgendwann genauso gerne wie die anderen einen Gebetstag in der Woche.

Ich mag Katrin und Anke nicht enttäuschen. Die haben sich hier wohl bisher mit Leuten abgeplagt, die sich mal eine Woche unterbringen und verpflegen lassen wollten. Dabei kann es sich die Truppe gar nicht leisten, dem Martinsstift Konkurrenz zu machen. Freilich kann man niemandem hinter die Stirn sehen. Mag sein, daß deshalb mit diesem Novizenregime die Latte so weit oben liegt.

Nach den Erfahrungen mit ‚Antastha Yoga‘ von Sanjeev Bhanot überraschte mich vorhin die Idee, mit verbundenen Augen zu beten, auch nicht mehr. Geht es doch bei beidem um innere Einkehr. Aber wozu es gut sein soll, hier ständig mit verbundenen Augen rumzulaufen, ist mir nicht ganz klar. Während ich mir das Bandana wieder am Hinterkopf verknote, höre ich, wie sich Anke setzt und ein Tischgebet spricht. Dann wünscht sie mir guten Appetit.

Die kleinen Pizzastücke und die Flasche unter das Tuch zu schieben, ist ja noch eine lösbare Aufgabe. Aber man kann sich doch nicht nur von Pizza ernähren, sage ich zu Anke. Das sei einfach nur eine Definitionsfrage, erwidert sie. Das Essen zuzubereiten und es zu genießen wäre ja nun nicht dasselbe. Ich brauche auch keine Angst zu haben, daß mir hier etwas zustoße. Bei einer Novizin und bei einer Schwester, die ihren Gebetstag feiert, sei immer jemand in der Nähe.

Nach dem Essen soll ich zu Sybille kommen. Daß ich Ankes Hinweise ernst nehmen sollte, habe ich ja nun gelernt. Also rühre ich nach dem Essen das Bandana nicht an. Anke führt mich in den hinteren Teil des Hauses. Bin gespannt, was Sybille zu meinen Einsichten sagt. Die setzt mich nur auf einen Stuhl und fragt mich dann über die Gepflogenheiten meines Vermieters aus. Der hatte mit bemerkenswerter Konsequenz jegliche Papierspuren vermieden.
Schließlich höre ich, wie Sybille betont laut seufzt: Würde der in einem Verfahren bestreiten, von mir die Miete erhalten zu haben, müßte ich beweisen, meinen Verpflichtungen nachgekommen zu sein. Selbst als es noch üblich war, dem Vermieter das Geld bar in die Hand zu drücken, habe man sich das im Mietheft quittieren lassen.

Ich zucke mit den Schultern, schließlich war ich dem Wohlwollen dieses Kerls ausgeliefert. Der fand aber sonst niemand, der sich diese Ruine an meiner Stelle antun wollte. Sonst hätte er mich ob meiner sporadischen Zahlungsweise schon lange rausgeworfen. Kam man bei Neumond nach Hause und die Taschenlampe versagte den Dienst … Im Hausflur brannte schon lange kein Licht mehr.
Sybille zitiert ‚Pinselheinrich‘ Zille: Man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt. Diese Bruchbude hätte ganz gut in die vorletzte Jahrhundertwende und ‚sein Milljöh‘ gepaßt, meint sie.

Schließlich fragt sie mich nach meiner Hausratversicherung. Ich winke ab: Was man von meinem Hausrat tatsächlich noch ersetzen könnte, sei überschaubar. Die Fotoausrüstung, die Wäsche, das bißchen Wohnzimmermöbel – das war’s. Das Meißner Tafelgeschirr, das Oma zu ihrer Hochzeit bekam, dürfte der Hängeschrank der Einbauküche bald fallen lassen; die gehört dem Vermieter und besteht aus Holzspänen, Leim und Papier. Dagegen ist mein Schlafzimmermöbel solide und saubere Tischlerarbeit. In dem Bett kam schon unsere Urgroßmutter nieder. Das hätte auch noch die nächsten hundert Jahre überstanden.
Schließlich ist da noch meine Bibliothek: Beispielsweise die Originalausgabe von Henry James Coleridges ‚The life and letters of St. Teresa‘, das einzige, was ich in Englisch las. Oder die Hundertwasser-Bibel, für die bei abebooks ein paar Hunderter verlangt werden, wenn man sie zu sehen bekommt. Und unser Urgroßvater war versessen auf Handzeichnungen. Er besaß von Busch und Zille alles, dessen man zu ihren Lebzeiten habhaft werden konnte. Die Bücher stehen alle im großen Wäscheschrank. Vom Wohnungsflur führen zwei Stufen zum Schlafzimmer, durch die Schlafzimmertüre kann kein Wasser gekommen sein. Also frage ich Sybille, ob es denn keine Möglichkeit gäbe, wenigstens die Bücher vor dem Bagger zu retten?

Schaun wir mal, meint sie. Letztlich gelte der Spruch ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß‘ hier wie überall. Vor ein paar Tagen war es mangels besseren Wissens noch in Ordnung, daß sich Mieter in dem Haus aufhalten. Jetzt wird niemand mehr die Verantwortung dafür übernehmen wollen, daß sich dort Feuerwehrleute oder Bausachverständige in Gefahr bringen.

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Sie stellt vor mir etwas Schweres, Metallenes auf den Tisch. Eine Conti, sagt sie. Toll, darauf habe ich vor zwanzig Jahren schreiben gelernt, antworte ich. Beim Lernen und bei Wettbewerben wurde früher oft mit verbundenen Augen geschrieben. Die Meisterinnen schafften zweihundert Anschläge pro Minute aus dem Gedächtnis, ich nicht mal die Hälfte. Sybille diktiert mir zwei kurze Briefe, an die Staatsanwaltschaft mit Bitte um Akteneinsicht und dann an meine Versicherung. Ich bin ganz gespannt, was ich da fabriziert habe. Aber ich höre nur, daß Sybille etwas kopiert und in Briefumschläge steckt.

Einige Minuten später geht die Tür auf. Sybille bittet Anke, mit mir einen kurzen Spaziergang zum Briefkasten zu machen. Der sei nur zwei Häuser weiter ortseinwärts, sagt Anke, als wir draußen sind.

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Zurück in meinem Zimmer nehme ich mir schließlich das Bandana von den Augen. Bevor ich den Laptop einschalte, muß ich mich im Bildschirm erstmal betrachten. Denn hier im Zimmer gibt es nirgendwo einen Spiegel. Werde ich mit dem Tuch auch so eine Schönheit? Na, es geht.

Auf diversen Internetseiten finde ich dann Sybilles Meinung bestätigt: Wegen solch gravierender Baumängel stünde mir nur das Recht zur fristlosen Kündigung des Mietvertrages zu. Damit kann ich nichts anfangen, aber das ist wohl mein Problem. Und daß ich den Vermieter für den Untergang meiner Sachen nur haftbar machen kann, wenn der das Haus vorsätzlich verwahrlosen ließ, ist ebenso einhellige Fachmeinung. Wie soll ich ihm beweisen, daß er die Segnungen des Echten Hausschwammes gekannt haben muß? Schließlich bin ich in vollem Bewußtsein so ziemlich aller Katastrophen da eingezogen, nur von diesem Wertgutachten wußte ich nichts.

Also bleibt mir nur zu hoffen, daß mir die Versicherung nicht grobe Fahrlässigkeit vorwirft. Dann muß ich sehen, daß ich von dem Geld das Nötigste neu kaufen kann. Immerhin: Bei abebooks findet sich für 85 Euro noch der alte dreibändige Coleridge in einer Originalausgabe von 1898. Aber von meinen anderen Büchern aus der Zeit ist nicht einmal mehr dort etwas im Angebot. Und dabei vereinigen die auf ihrer Plattform Antiquariate aus ganz Europa …

Es klopft, Anke kommt mit dem Abendbrot. Ich schiebe den Computer beiseite, sie stellt mir den Teller mit den Brötchen und eine Trinkflasche zurecht. Während ich den Knoten meines Bandanas öffne und mir das Tuch über die Augen ziehe, fragt sie, ob sie den Laptop ausschalten solle. Ich nicke und binde mir das Tuch wieder fest. Nachher hole sie mich zur Abendmesse ab, sagt Anke. Dann höre ich sie die Tür schließen.

REST NOT PUBLISHED

Man sagt zwar immer, die Augen essen mit. Aber heutzutage hat die Masse der Leute längst die letzten Spuren ihrer Essenskultur aus ihrem Leben getilgt. Man rennt frühstückend, mit einem Pappbecher voll Kaffee in der Hand, dem Bus und der Bahn hinterher. Und ein paar Jahre später mit Magengeschwüren in die Chirurgie. Da ist das Tuch vor meinen Augen doch eher ein Luxusproblem. Meine Geschmacksnerven tippen auf Roggenbrötchen, belegt mit Emmentaler und dazu Kakaomilch. Nach dem Essen döse ich noch etwas vor mich hin, bis es wieder an die Tür klopft. Anke räumt den Tisch ab. Dabei höre ich von ihr, daß Katrin gleich kommen werde. Darauf freue ich mich die ganze Woche schon wie Bolle. Anke mißt meinen Blutdruck und steckt mir dann ein Fieberthermometer unter die Achsel.

Kurz darauf höre ich ein Wägelchen ins Zimmer rollen. Das Thermometer entschwindet, dann nimmt mir Katrin auch das Bandana ab. Auf dem Bett sehe ich einen der großen spitzen Kopfschleier liegen, die Sybille und Anke heute trugen. Allerdings ist der hier weiß. Demnach ist das ein Novizenschleier, von denen Theresa heute sprach. Ob das meiner wäre, frage ich neugierig. Katrin schüttelt den Kopf, zeigt auf sich selbst und drückt ihn mir in die Hand. Kräftiges Leinen, dadurch ist nichts zu sehen. Katrin bittet mich wieder auf den Stuhl, sie will sich meinen Kopf ansehen. Mit der Wundheilung ist sie offenbar so zufrieden wie der Chefarzt in der Klinik gestern. Schließlich nimmt sie mit einer Zange neue Pflaster aus dem Glas auf dem Verbandswägelchen.

Nachdem sie die aufgeklebt hat, schaut sie mir ins Gesicht und sagt, daß um 21 Uhr Nachtruhe sei, für mich aber bis auf weiteres eine Stunde früher. Für den Klönsnack mit den anderen Schwestern hätte ich übermorgen den ganzen Nachmittag. Das Gesichtstuch solle ich nachts solange weglassen, bis sich Übelkeit und Schwindelanfälle gegeben hätten. Katrin nimmt sich den Schleier vom Bett und zieht ihn sich über, sie greift darunter, um sich den Gummi unters Kinn zu schieben. Schließlich hakt Anke Katrin unter, die beiden wünschen mir eine gute Nacht.

Bis dahin ist doch noch etwas Zeit. Das Bandana werde ich morgen ja wieder den ganzen Tag tragen, also wasche ich es kurz mit Seife und handwarmem Wasser durch und lege es dann über die Heizung. Im Netz suche ich nach Tüchern zum Wechseln. Die meisten sind gerade einmal 50 cm im Quadrat. Dann werde ich aber doch noch fündig. Nicht bei einer Textilkette, sondern in einem Hamburger Museum von allerlei Seemannsgarn. Buddel-Bini und seine Frau Eda haben auch Bandanas mit 70 cm Kantenlänge; da bleibt mir noch genug Länge zum Binden. Einen halben Meter von der Nasenwurzel bis zur Tuchspitze, da gibt es nichts zu meckern. Ich schicke die Bestellung ab und gehe dann, wie mir Katrin so dringend nahegelegt hat, ins Bett.

Am frühen Morgen wache ich auf. Draußen ist es noch dunkel. Wie so oft um diese Zeit, ist mir übel. Instinktiv schiebe ich den Kopf über die Bettkante, dorthin, wo nicht ohne Grund der Eimer steht. Zwar geht es mir seit der Operation besser, die Kopfschmerzen wurden schlichtweg unerträglich. Aber solange der letzte Tumor noch mit der jetzigen Größe am Stammhirn sitzt, werde ich keine Ruhe haben. Da ist es kein Wunder, daß Katrin mich mit dem Sandmännchen im Bett wissen will.

Irgendwann muß ich wieder weggedämmert sein. Als Anke kommt, ist es kurz vor neun. Sie mißt meinen Blutdruck und die Temperatur. Ich bin grade zehn Minuten wach und wieder wie erschlagen. Aber mein Magen verlangt nach seinem Recht. Und um halb elf beginnt der Gottesdienst, ich habe also keine Zeit zu vertrödeln. Ab in die Dusche; für den Weg werfe ich mir einfach mein Badetuch über den Kopf. Bald darauf klopft Anke und fragt, ob ich fertig angezogen sei. Erst als ich das bejahe, höre ich, wie sie die Tür öffnet und mir das Frühstück auf den Tisch stellt. Meine Zunge ertastet Bienenhonig auf den Brötchen. Den muß man sich erstmal leisten können. Bevor Anke geht, sagt sie noch, sie habe mir für heute meinen Sonntagsstaat zurechtgelegt.

Nach dem Essen nehme ich mir das rote Bandana von den Augen und schaue mir die Sachen an. Ein Umhang, der vorn zusammengenäht ist und ein ovales Loch für das Gesicht frei läßt, ein Schlauch und einen langen Schleier mit Gummizug. Ich ziehe mir den Schlauch so tief über die Stirn, daß er mir über die Augen ragt. So gehe ich hier das erste Mal ein Stück spazieren, während Anke noch den Gottesdienst vorbereitet.

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Weiter hinten ist auf dem Grundstück eine große Wiese, daneben ein Einfamilienhaus. Dessen Fenster sind angekippt, überall die weißen Gardinen zugezogen. Schlafen die denn alle noch?

Inzwischen haben sich einige Frauen am Eingang der Kirche zu einem Spalier aufgestellt. Dann kommt Anke aus der Tür und geht zu dem hinteren Haus.

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Kurz darauf zeigt sich, daß der Eindruck einer langschläfrigen Gemeinschaft trog: Anke begleitet die Schwestern in einer kleinen Prozession den Weg entlang zur Straße. Sie biegen rechts ab und gehen zwischen den Säulen des Glockenturmes hindurch.

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So kommen sie mir unter dem langgezogenen Baldachin, der den Turm mit dem Eingang verbindet, Schritt für Schritt entgegen. Langsam und im Gleichschritt, dessen Takt die Besucher jetzt mit rhythmischem Klatschen untermalen.

Schließlich ein Handzeichen von Anke, der Beifall der Besucher endet mit zwei betonten Schlägen, die Gruppe bleibt stehen. Anke öffnet die Flügeltür zur Kirche, die Schwestern treten ein

 

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Den Vorraum der Kirche ziert ein Glasmosaik, welches von der Decke bis zum Fußboden reicht. Während die weiß verschleierten Schwestern rechts durch die Türe gehen und die Besucher ihnen mit respektvollem Abstand folgen, bleibt Anke vor dem Mosaik stehen, bis die Letzten die Kirche betreten haben. Danach schließt sie hinter ihnen die Eingangstür.

Ich betrete die Kirche zum ersten Mal. Im Inneren ist etwa in der Mitte ein schmales Pult, dahinter an der Wand ein großes, schlichtes Holzkreuz, darunter ein Kranz und drei Altarkerzen.

Theresa tritt ans Pult, die Schwestern postieren sich im Halbkreis davor. Anke hilft einer nach der anderen, sich auf die bereitliegenden, dicken Kissen zu setzen. Die Besucherränge steigen nach hinten in Stufen gleichmäßig an. Auch dort liegen die Sitzkissen bereit. Nachdem das Erzbistum Hamburg schon vor Jahren die drei Glocken vom Turm nahm und an die Gemeinde in Eckernförde abgab, hat man im Zuge des Verkaufs auch noch die restliche Inneneinrichtung entfernt. Das große hölzerne Kreuz ist alles, was noch übrig blieb. Ein heller Fleck an der Wand erinnert daran, daß dort einmal der Beichtstuhl gestanden haben mußte.

Inzwischen hat jeder der Besucher seinen Platz gefunden. Anke läutet mit einer Handglocke, daraufhin beginnt Theresa mit der Aufforderung „Laßt uns beten“ den Gottesdienst. Alle rutschen vom Kissen auf ihre Knie. Aber nicht Theresa, sondern eine der Schwestern spricht das Gebet vor. Und nicht in Deutsch, sondern in Dänisch. Das ist also Lærke aus Tønder. Die reichliche Hälfte der Besucher stimmt mit ihr ein. Nicht nur Mitglieder der hiesigen dänischen Gemeinschaft, denn ich hatte einige Autos mit den weiß-roten Kennzeichen der Nachbarn auf den Parkplatz fahren sehen. Dann beten die anderen Schwestern: Mireille französisch, Vera tschechisch, Theresa spanisch und schließlich Sybille, Katrin und Anke mit den übrigen Besuchern deutsch. Zum Schluß folgt das Gebet von allen Schwestern zusammen in einer Sprache, die ich zwar noch nie gehört habe, mir aber doch irgendwie vertraut vorkommt: Was mag das wohl sein?

Bevor ich mir darüber Gedanken machen kann, greift Theresa nach ihrem Kopfschleier, hebt die schmale Klappe vor ihren Augen an und beginnt mit der Predigt. Zuerst spricht sie in Dänisch, danach in Deutsch. Auch gesungen wird hier zweisprachig. Theresa hat nach der Predigt ihren Sehschlitz wieder verdeckt. Am Schluß dann das Vaterunser, von allen Schwestern in ihren Muttersprachen. Nachdem Sybille, Katrin und Anke geendet haben, beten sie es alle gemeinsam in der mir zwar unbekannten, aber nicht gänzlich unverständlichen Sprache, die ich nicht einordnen kann. Das ist weder Spanisch, noch Portugiesisch oder Italienisch, obwohl es fast so klingt.

Schließlich verabschiedet Theresa die Besucher mit der Formel „Gehet in Frieden“. Die bemühen sich sichtlich darum, die Schwestern nicht in ihrem Gebet zu stören.

Anke kommt zu mir, nimmt mich an die Hand und verläßt mit mir die Kirche. Auf dem Hof vor der Praxis warten einige Besucher des Gottesdienstes und Leute aus der näheren Umgebung, etwa ein halbes Dutzend.

Karfreitag hin oder her, Katrin halte nach dem Gottesdienst eine Sprechstunde für diejenigen, die chronisch krank seien oder am Wochenende akute Probleme bekommen hätten, erklärt mir Anke. Sie bittet die Patienten ins Wartezimmer und läßt sich von ihnen die Krankenversicherungskarten geben. Dann setzt sie mich an den Computer und erklärt mir mit ein paar Worten, wie man in dem Praxisverwaltungsprogramm die Patienten auf die Warteliste setzt, damit Katrin an ihrem Bildschirm sehen kann, wer da ist und weshalb. Dann müssen die von Katrin erstellten Dokumente ausgedruckt werden. Für die Formulare mit Durchschlägen steht hier noch ein alter Nadeldrucker. Dessen Gekreische könne Katrin im Sprechzimmer nicht brauchen. Bis die Patienten aus dem Sprechzimmer kommen, muß Katrin die Formulare noch unterschreiben. Die drücke sie den Patienten immer persönlich in die Hand. Stimmt, das war bei mir auch so. Nicht, daß man das Personal geringschätzt, aber aus der Hand der Ärztin gewinnt das Rezept irgendwie noch an Gewicht.

Das Computerprogramm hat einen Namen, der mit ‚easy‘ anfängt – und so ist es auch. Binnen einer Viertelstunde habe ich diese Funktionen begriffen, die Patienten in die Liste eingelesen und für Katrin auch schon die Dauerrezepte vorbereitet. Anke braucht ihren Kopfschleier gar nicht erst abzulegen. Ich gebe den Patienten die Karten zurück, kurz darauf ist Anke schon zur Türe hinaus. Sie bringt einen Packen weißen Stoffes und geht damit in mein Zimmer.

Dann kommt schließlich auch Theresa. Die Klappe über ihren Augen ist jetzt ein Stückchen angehoben. Sie hat, wie gestern Anke, die weiß verschleierte Katrin im Schlepptau. Im Vorbeigehen nimmt sie die Rezepte vom Tresen und verschwindet dann mit Katrin im Sprechzimmer. Eine Weile passiert nichts, bis Anke kommt. Sie erklärt mir, was sie mit dem Programm sonst noch alles machen kann. Von der Planung der Hausbesuche und der Überwachung der Krankschreibungen bis hin zur Lagerhaltung des Praxismaterials ist alles dabei. Sie läßt mich die Geburtstage in der kommenden Woche ausdrucken. Katrin wird zwei Achtzigjährigen einen schönen Blumenstrauß bringen.

Schließlich öffnet sich die Tür des Sprechzimmers. Lisa, die Patientin in dem schwarzen Minikleid, tritt heraus. Jetzt hat sie sich dessen Kragen über den Kopf gezogen. Wozu das wohl gut sein soll?

Theresa kommt und bittet Lisa in das mittlere der drei Krankenzimmer. Dann bin ich an der Reihe. Anke hat mein Bett frisch bezogen. Das hätte ich auch selbst erledigen können. Dann geht mein Blick zum Fenster. Das verbirgt sich jetzt hinter einer einteiligen Gardine aus weißem Leinen. Und die ist fast bodenlang, so wie der Gesichtsschleier von Theresas Gebetskleid. Schlechten Geschmack kann man den Mädels also nicht vorwerfen. Auf dem Tisch liegt vor mir zusammengefaltet ein weißes Leinentuch. Theresa nimmt es in die Hand. Daß sie mir erlaubt habe, heute beim Gottesdienst zuzuschauen, bedeute nun nicht, daß ich mich den ganzen Karfreitag der Zerstreuung hingeben solle. Und das heute Vormittag wolle sie mir noch einmal als ernsthaftes Interesse durchgehen lassen.

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Es sei ja nicht offensichtlich, wie sie mitten auf dem Dorfanger einer so strengen Klausur folgen könnten, wie sie ihnen Teresa von Ávila vorgeschrieben habe.

Diese Frage würde sie mir jetzt gerne beantworten.

Mit diesen Worten legt sie mir das Leinentuch über den Kopf. Der schwarze Schleier helfe ihnen, von weltlichen Dingen den gebührenden Abstand zu nehmen und sich in der Konversation mit ihrem Angetrauten nicht stören und ablenken zu lassen. Ich möge mich deshalb nicht darüber wundern, daß sich auch die Gardine des Zimmers jetzt nicht mehr aufziehen lasse. Die Postulanten und Novizen seien für die Verlockungen und Zerstreuungen ja noch empfänglicher, deshalb gewähre ihnen ihr Schleier zusätzlich einen besonderen Schutz. Heute dürfe ich den ganzen Tag im Gebet verbringen, das gelte zukünftig für drei Tage in der Woche. Dazu solle ich mich mit Katrin und Sybille absprechen, wann sie meine Hilfe benötigten. Das hätte ja schon ganz gut geklappt. Mit Spenden und Almosen seien weder Immobilien zu unterhalten noch der Lebensunterhalt einer Gemeinschaft zu bestreiten.

Daß die Besucher geizig gewesen seien, könne man doch nicht behaupten, wende ich ein. Das nicht, antwortet Theresa. Aber dieses Geld sei für die Erhaltung der Kirche bestimmt, wofür es bei weitem nicht reiche. In den vielen Jahren seit der Profanierung sei lediglich der Rasen gemäht worden. Dafür habe man beim Erzbistum am Ende moniert, daß die Bausubstanz den Denkmalschutz nun nicht mehr rechtfertige. Bis auf Anke seien hier alle Freiberufler, so wie ich auch. Was sie von den Einkünften nicht verbrauchen, werde dem Kirchenverein gespendet.

Nun, für meine Freiberuflereigenschaft kann ich mir nichts kaufen. Was nützt mir die Befreiung von der Gewerbesteuer, die ich für meine paar Kröten ohnehin nicht zahlen müßte?

Nun, zumindest jetzt nicht, antwortet Theresa. Nach Katrins Einschätzung könne ich zweimal am Tag höchstens zwei Stunden konzentriert arbeiten, aber nicht nach den Bestrahlungen. Eigentlich sei ich ein Fall für eine Anschlußheilbehandlung. Vorher müßten aber die Bestrahlungen abgeschlossen sein. Und dabei befürchte Katrin ein Fiasko. Schließlich kämen psychische Probleme nach Hirntumoren sehr häufig vor, in meiner Situation seien sie ja geradezu unausweichlich. Natürlich werde es darüber wieder Streit mit der Krankenkasse geben. Immer wenn Katrin hier jemanden aufgenommen habe, seien Querelen bis zum Landessozialgericht in Schleswig gegangen. Die meisten Prozesse habe Sybille aber gewonnen, weil Katrin und Anke stets alles zweifelsfrei dokumentieren würden.

Also hatte ich nicht Unrecht mit der Vorahnung, daß die Arbeit bei Katrin nicht aus dem Ärmel zu schütteln wäre. Das wäre ihr bewußt, antwortet Theresa. Ich müsse dafür auch kein Geld mitbingen, wie das in manchen Klöstern oder auch Wohngenossenschaften mit Versorgungscharakter üblich sei. Über eine Ausbildung würden sie sich aber erst Gedanken machen, sobald hier alle davon überzeugt seien, daß ich wirklich nach dem teresianischen Ideal leben wolle und das auch könne, sagt Theresa. Und zwar ohne Abstriche. Dabei würden sie sich auch nicht von den Anmeldeterminen der Ärztekammer unter Druck setzen lassen.

Hm, ich weiß, daß von dem Meningeom am Hirnstamm die reichliche Hälfte drinbleiben mußte und deshalb nicht klar ist, wie sich meine Symptome entwickeln werden. Die drückenden Kopfschmerzen seien doch inzwischen weg, fragt Theresa. Ich nicke, so ziemlich, gar kein Vergleich zu vorher. Auch Schwindelanfälle sind bislang ausgeblieben, aber ich hätte heute früh wieder erbrechen müssen.

Ich höre, wie Theresa tief Luft holt. Auch ihre Heilige Mutter Teresa sei kein Leuchtturm strotzender Gesundheit gewesen. Anke werde den rechten Haken der Gardine versetzen, so daß ich das Fenster zum Lüften öffnen könne. Dann sagt sie: „Laß uns für Katrins Patienten beten.“

Ich schrecke hoch, als die Tür geht. Anke bittet mich zum Essen, sie führt mich in den Pausenraum. Theresa ist offenbar nicht mehr da. Ich werde doch nicht beim Gebet mit ihr eingeschlafen sein?

Anke schiebt mich an einen Stuhl, ich bekomme dessen Lehne vor mir zu fassen. Zwei Stimmen sprechen das Tischgebet:

Nun segne, Vater, unser Essen,
Laß uns Lüge wie Neid vergessen.
In der Freude wie manchem Schmerz,
schenke uns allen ein fröhlich Herz.
Leite Du unser Herz und Hände,
führe alles zum guten Ende.

Amen.

Die zweite Stimme ist Katrin. Nach dem Gebet setzt mich jemand auf einen Stuhl und nimmt mir schließlich das Leinentuch vom Kopf. Darunter trage ich ja noch den türkisfarbenen Schleier, den ich mir heute früh umgebunden hatte. Also falle ich jetzt nicht unangenehm auf.

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Zu wissen, daß Katrin stahlgraue und Anke braune Augen hat, nützt mir jetzt gar nichts. Beide tragen die schwarze Ordenstracht, die nur ihre Unterarme frei läßt. Anke und Katrin sind in etwa gleich groß und haben an der rechten Hand den gleichen, schlichten Ehering.

Mein Blick geht hin und her, ich habe keine Ahnung, wer von ihnen wer ist. Bis eine von ihnen lacht. Ich solle nur mal zum abendlichen Klönsnack kommen, da zögen sie sich alle, auch Theresa, die Tracht an. Vor Gott seien sie schließlich gleich. Und so gelte das hier in der Gemeinschaft auch.

Der Karfreitag ist für orthodoxe Gläubige bekanntlich ein strenger Fastentag. Es gibt frisches Brot, Mineralwasser und reichlich Obst und Gemüse. Das Brot ist wahrlich ein Gedicht. Lisa sitzt neben mir, den Kragen des Kleides zwar unten, aber ihre Augen mit einer Schlafmaske bedeckt. Sie läßt es sich sichtlich schmecken und hört dabei nur zu. Ich frage Katrin und Anke, wo sie denn dieses Brot kaufen. Doch nicht etwa von der Großbäckerei an der Kreuzung?

Nirgends, antwortet Anke. Das habe Theresa gebacken, wie immer zu den Feiertagen. Ansonsten sei hier jede mal dran – nur bitte nicht mit Teiglingen aus dem Supermarkt. Bei chefkoch.de finde man tausende Rezepte dafür, es gebe also keinen Grund sich zu drücken. Die Zutaten bringe ihnen eine junge Bauersfrau aus Bov mit, wenn sie zum Gottesdienst komme.

So etwas hatte ich mir schon gedacht. Würden sie in ihrer Tracht in Flensburger Geschäften aufkreuzen, würde sich das herumgesprochen haben, meine ich. Die beiden zucken die Schultern. Katrin sagt, ich solle mich für eine Weile hinlegen, denn die Tabletten gegen meine Übelkeitsanfälle würden müde machen. Also greife ich nach dem Leinentuch und ziehe es mir über den Kopf, Anke hakt mich unter und bringt mich in mein Zimmer.

Als ich eine Stunde später wieder aufwache, steht eine Schale mit Äpfeln und Birnen auf dem Tisch. Daneben liegt ein Buch: ‚Teresa von Avila‘ mit dem Untertitel ‚Agentin Gottes 1515 – 1582‘.

Die Autorin, Linda Maria Koldau, ist 1971 in München geboren und lehrt an der Aarhus Universitet Musikwissenschaft und Kulturgeschichte, auf dem Lehrstuhl also, der einst für Knud Jeppesen eingerichtet wurde. Ich schaue erst einmal ins Inhaltsverzeichnis und blättere durch drei Kapitel. Schon die verraten, daß hier auf mich mehr zukommen würde als eine ausgefallene Kleiderordnung. Aber auch die muß ja irgendwo ihre Ursprünge gehabt haben.

So schrieb Teresa im Dezember 1561 an Lorenzo de Cepeda sinngemäß:

‚Ich sollte alles, was ich vermochte, in dieses Werk einbringen, nämlich ein Kloster zu gründen, in dem es nur dreizehn Schwestern gibt, ohne daß diese Zahl zunehmen darf, in größter Zurückgezogenheit, so daß sie niemals herausgehen, wie auch niemanden sehen, außer mit einem Schleier vor dem Gesicht, gegründet auf inneres Beten und Ich-Sterben.‘

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Dieses ‚Ich-Sterben‘, was man auch Mortifikation nennt, erklärt die Autorin so, daß

man sich darin üben müsse, das Kreisen um sich selbst aufzugeben sowie den Zerstreuungen und Verlockungen der Gesellschaft gegenüber gleichgültig zu werden. …

Das Verlangen nach der vollkommenen Klausur durchzieht Teresas Lebensbeschreibungen und Weisungen wie ein roter Faden. In den Konstitutionen, die Teresa auf der Grundlage ihres Modell San José verfaßt, heißt es:

Die Schwestern „werden in größter Abgeschlossenheit leben und sie werden niemals ausgehen oder sich unverschleiert sehen lassen.“‘

Aus einem Brief, den der Apostolischen Visitator der Unbeschuhten Karmelitinnen in Andalusien im Jahr 1577 an seine Ordensschwestern schrieb, geht hervor, daß diese ihr Gesicht nicht einmal ihren Verwandten zeigten. Koldau merkt dazu an, daß das noch bis ins 20. Jahrhundert so geblieben sei. Belege sind recht selten. Im Netz findet man nur eine Handvoll Bilder aus Zeitungen und Büchern. Und in einem Forum werden Briefwechsel mit Nonnen widergegeben, die den Schleier noch zu ihrer Novizenzeit bei ihrer Priorin gesehen haben. Das ist aber auch schon vierzig Jahre her.

Nachdenklich geworden, schlage ich das Buch jetzt erst einmal wieder zu. Dabei irritiert mich die Gestaltung des Schutzumschlags:

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Die Illustration zeigt das Gesicht einer jungen Frau, man könnte fast glauben, sie sei Mitte bis Ende zwanzig. Soweit ich weiß, gibt es nur ein einziges authentisches Bildnis von Teresa. Im August 1562, da war sie 47, gründete sie das erste Kloster. Sie war sechzig, als sie sich mit mäßiger Begeisterung dem Auftrag gebeugt haben soll, sich portraitieren zu lassen.

<>Peter Paul Rubens war dagegen noch nicht einmal sechs Jahre alt, als sein ‚Modell‘ starb. Dennoch taucht sein Gemälde mehrfach unter den ersten Fundstellen auf, wenn man im Netz nach Bildern von Teresa von Ávila fahndet. Es kann auch unter den anderen kein Werk eines Malers sein, der sie je selbst gesehen hätte.

Dieses Wetteifern, das Antlitz einer Frau zu präsentieren, die sich nach den von ihr selbst aufgestellten Ordensregeln keinem Außenstehenden zeigen durfte, mutet schon sehr seltsam an.

Schon beim Durchblättern gewinne ich den Eindruck, daß sich die Autorin intensiv mit dem literarischen Werk Teresas auseinandergesetzt hat. Es ist ihr außerdem wichtig, den heutigen Lesern die damaligen Lebensumstände nahe zu bringen, über die Teresa und auch spätere Autoren kaum einmal ein Wort verloren haben.

Man geht ja hierzulande gerne auf Reisen, aber dieser Begriff ist schon irreführend. Denn Teresa hatte mit ihrer Gesellschaft hundert Kilometer unbefestigter Wege auf rundum geschlossenen Karren zurückzulegen – damit sind von Ochsen gezogene Planwagen gemeint, die man aus Westernfilmen kennt und nicht etwa herrschaftlich gepolsterte Kutschen. Im Sommer bei sengender Hitze und mitunter in einem Zustand, in dem man heute keinem Kranken einen Transport zumuten würde …

Nicht nur bei Koldau ist immer wieder von den ‚Konstitutionen‘ die Rede. Die muß ich mir ansehen, schließlich hatte mir auch Theresa gestern erklärt, daß die das Leitbild ihres Lebens seien. Ich finde die Texte im Internet, als elektronisches Buch im pdf-Format zum Herunterladen von der Seite des Münchener Karmels. Die aktuellen Konstitutionen sind die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die der Heilige Stuhl 1991 approbierte. Die deutsche Übersetzung folgte im Jahr darauf.

Als Anhang enthält das Buch die ersten Konstitutionen, die Teresa 1567 verfaßte (also fünf Jahre, nachdem sie ihr erstes Kloster gründete) und die vom Kapitel von Alcalá 1581, im Jahr vor ihrem Tode, redigiert wurden. Ob sie daran als Frau nicht teilnehmen durfte oder sich wegen ihres Gesundheitszustandes die Reise nicht zumuten konnte, sei dahingestellt. Möglicherweise hat Teresa zu den Änderungen beigetragen oder wurde wenigstens konsultiert, schließlich hat sie ihre Meinung auch schon früher in wichtigen Punkten geändert, wenn das durch die Umstände geboten war.

Zur Klausur schrieb Teresa 1567:

15. Keine soll sich jemals ohne Verschleierung sehen lassen, außer von Vater und Mutter oder von den Geschwistern, es sei denn, daß dies aus irgendeinem Grund ebenso gerechtfertigt wäre wie in den oben genannten Fällen, so etwa Personen gegenüber, die eher Ermutigung im geistlichen Leben als Unterhaltung suchen und die uns in unseren Gebetsübungen bestärken und uns geistlichen Trost schenken. …‘

Soweit ich mich erinnere, geht Teresa dann auch im ‚Buch der Gründungen‘ einige Male darauf ein (Anm.: in den Kapiteln 24,13 und 30,8). Da berichtet sie über Menschenaufläufe, mit denen sie sich mit den Schwestern bei den Feiern anläßlich späterer Gründungen konfrontiert sah. Die wären ihnen nur deshalb einigermaßen erträglich gewesen, weil man ihnen nicht ins Gesicht schauen konnte.

Daraus schlußfolgert der Herausgeber, daß die Gesichtsschleier lediglich eine Schutzfunktion gehabt hätten. Das hatte ich schon nicht verstanden, als ich voriges Jahr über die Gesichtsverschleierung im Christentum recherchierte und mir dazu dieses Buch in der Bibliothek der Hamburger theologischen Fakultät besorgte. Zum einen widersprach das schon der kommentierten Textstelle, wo Teresa doch erklärt, daß sie die langen Schleier immer tragen würden. Zum anderen verstand er offenbar Teresas Konventionen nicht, obwohl er darauf Bezug nimmt.

Bekanntlich trug Teresa den Schwestern auf, sich gegenüber allen Außenstehenden zu verschleiern, ausgenommen Verwandte ersten Grades. Das galt also auch gegenüber ihrem Schwager, dem Teresa nach dem im Kommentar zitierten Brief mit dem Argument geantwortet habe, die Leute könnten den reisenden Weiblein ‚Unflätigkeiten an den Kopf werfen‘. Vielleicht hatte sie nur keine Lust auf eine absehbar fruchtlose Diskussion und sich deshalb auf ein oberflächliches Argument zurückgezogen. Einen Hinweis auf die Verschleierung gegenüber den eigenen Verwandten gibt ja auch der Brief des Apostolischen Visitators von 1577, den Koldau in ihrem Buch zitiert. Und nach den Berichten, die man in den 1890iger Ausgaben von Henry James Coleridge findet, verbarg Teresa ihr Gesicht unterwegs auch beim Gespräch mit anderen Frauen.

Das spricht nun nicht gerade dafür, daß sie sich nur Beschimpfungen von ungehobelten Passanten ersparen wollten. Vielmehr scheint diese Interpretation eine ‚politischer Korrektheit‘ entsprungene Wunschvorstellung zu sein. Sich gängigen Denkverboten zu beugen und Selbstzensur aufzuerlegen, gehört ja zu den vornehmsten Tugenden heutiger Publizisten. Schaut man sich die Mode der letzten Jahrhunderte an, als Schleier und Kopftuch modische Accessoires waren, müßten die Vorfahren der ‚Verteidiger des Abendlandes‘ allesamt islamische Fundamentalistinnen gewesen sein.

Aber die Mädels sind hier quasi auf der Walz, wenn man eine strenge Klausur zum Maßstab nimmt. Es war ja gerade der Auslöser für Teresas Drang zur Ausgründung aus dem Menschwerdungskloster, daß man dort der Klausur nicht die von ihr gewünschte Beachtung schenkte. Dabei mangelte es nicht etwa an einer Klostermauer. Nur ist die hier teils unzulässig, teils überflüssig. Die hintere Grundstücksgrenze bildet eine Hecke, über die man aus den obersten Etagen der Mietshaussiedlung gerade noch auf das Gelände sehen kann. Eine Mauer wäre niedriger. Im vorderen Bereich des Geländes bestehen die Denkmalschützer auf einem freien Blick von der Straße auf die Kirche, außerdem müssen Arztpraxis und Anwaltskanzlei für Besucher zugänglich sein.

Wovon lebten die Schwestern eigentlich zu Teresas Zeit? Ich blättere in ihren Konstitutionen noch einmal zurück. In das Kapitel vom Zeitlichen (9.) führt Teresa mit der Anweisung ein, daß sie sich mit Almosen begnügen sollten. Das kann man heute auch bei so geringen Ansprüchen glatt vergessen. Dafür sorgt schon Vater Staat mit seinen Zwangsbeiträgen, Abgaben und Steuern.

Andererseits sollten die Schwestern nicht darum bitten, solange sie die Not nicht wirklich umbringe. Nur, die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung ist eine Ressource, die schon seit Jahrzehnten in industriellem Umfang ausgebeutet wird. Da fließen Beraterhonorare und die Provisionen an die Hausiererunternehmen, da werden ganzseitige Anzeigen geschaltet und riesige Plakatwände beklebt. Für das Spendensiegel zahlt ein Verein zwischen 500 und 12.000 Euro jährlich an das DZI. Dabei sind dessen Leitlinien lediglich ‚freiwillige Selbstverpflichtungen‘, also im Zweifel ohne Aussagekraft. Teresa dürfte im Grab rotieren, würden sich ihre Ordensleute an solchen Geschäften beteiligen.

Dann schreibt sie mit Hinweis auf Paulus (2 Thess 3,10: wer essen wolle, solle auch arbeiten), daß sich die Schwestern mit ihrer Hände Arbeit zum Unterhalt helfen sollten. Und das ist nicht einfach nur als Floskel so dahin gesagt. Sie bevorzugt einfache Handarbeiten, damit man im Geiste beim Herrn bleibe. Zum Schluß des Kapitels meint sie, man solle nicht hartnäckig auf dem Preis der Arbeit bestehen. Werde nicht hinreichend bezahlt, dann solle diese Arbeit nicht mehr erledigt werden.

Nur, wer sein Geld nicht einzufordern bereit ist, geht leer aus. Und einfache, mechanische Arbeiten, die jedermann selbst erledigen kann, werden nirgendwo ‚hinreichend bezahlt‘. Auch zu Teresas Zeit scheint das kein erfolgversprechendes Geschäftsmodell gewesen zu sein, schon in den Konventionen von 1581 findet sich diese Anweisung nicht mehr.

Teresa kommt im Punkt 24 (nach dem Kapitel von den kranken Schwestern) noch einmal auf das Thema zurück. Dort zitiert sie wieder Paulus mit dem Thessalonikerbrief. Aber sie erklärt auch, daß die Schwestern keine Fristarbeit übernehmen und nicht bestraft werden sollten, würden sie ein freiwillig übernommenes Pensum nicht schaffen. Es solle sich jede bemühen, so zu arbeiten, daß die anderen zu essen hätten. Die drei Karmelitinnen, die bis 2014 das Kloster am Hainstädter Mainufer bewohnten, nähten Meßgewänder, zogen Kerzen, fertigten Rosenkränze und banden Bücher. Aber auch die Kirchgemeinden, die sie mit diesen Arbeiten beauftragten, werden eine vertragsgemäße Lieferung erwartet haben. Was die eine nicht schaffte, mußten demnach andere erledigen.

Für Teresa war, das sieht man an verschiedenen Quellen, die Frage nach einem Kloster in Armut von zentraler Bedeutung. Der Besitz von ausgedehnten Ländereien, auf denen man hörige Bauern wie die Leibeigenen der Feudalherren arbeiten ließ, wie das andere Orden in Deutschland praktizierten, wäre für die Nachfahren der Eremiten vom Berge Karmel undenkbar gewesen. Folglich brachte das, was man in Spanien ‚regelmäßige Einkünfte‘ nannte, die Abhängigkeit von Launen der Stifter mit sich, die das Kloster mitunter mit indiskutablen Forderungen vor der Bevölkerung in Mißkredit brachten, Zwietracht zwischen den Schwestern säten und ihnen das Befolgen der Regel unmöglich machten.

Dieser Streit um die Armut und um grobe Nachlässigkeiten bei der Einhaltung christlicher Prinzipien schwelte schon im 13. und 14. Jahrhundert. Vor allem die Mitglieder der größten Bettelorden, die Franziskaner und Dominikaner, sollen an zwei Stellen der ‚Offenbarungen Birgittas‘ (‚Sunte Birgitten Openbaringe‘) Adressat heftigster Vorwürfe gewesen sein. So läßt sich das bei Gert Melville in seiner ‚Welt der mittelalterlichen Klöster‘ (Kapitel 14) nachlesen. Freilich beschränkt er sich auf die Diskurse innerhalb der Kirche.

In Deutschland verschärfte sich die Situation dadurch, daß die Orden die restlichen freien Bauern dazu brachten, ihnen ihr Land abzutreten. Das Argument dazu war, daß sie als Hörige für den Landesherrn keinen Kriegsdienst zu leisten hätten. Folglich gehörte um das Jahr 1500 in Deutschland mehr als ein Drittel des Bodens kirchlichen Einrichtungen. Allerdings ging es den hörigen Bauern beim Klerus nicht besser als den Leibeigenen der weltlichen Herren. Zu dieser Zeit blühte der Ablaßhandel, ein offener Betrug, über den sich Luther im Jahr 1517 bei seinem Bischof beschwerte. Luther erhielt darauf keine Antwort, dürfte der Bischof doch selbst prächtig kassiert haben.

So läßt sich die Reformation als klassisches Ergebnis dilettantischen Krisenmanagements betrachten: Luther hielt die Klöster nicht für reformierbar und prangerte den Dünkel des Klerus als mit der Rechtfertigungslehre unvereinbar an. In den protestantischen Gebieten wurden die Orden von den Städten enteignet und aufgelöst. Folglich mußten die Armen während des Großen Bauernkrieges glauben, in Luther einen Bundesgenossen zu haben. Der dachte aber nicht einmal im Traum daran, die herrschende Feudalordnung in Frage zu stellen. Zum Kapitel 13 des Römerbriefes trat noch seine Theorie der ‚Zwei Schwerter und Zwei Reiche‘ hinzu, nach der Christen schon gegen geistliches Unrecht nur passiven Widerstand leisten durften, weltliches aber einfach zu erdulden hatten.

Nachdem Luther sich zu den Kämpfen lange zurückgehalten hatte, blieb er in seiner Schrift ‚Wider die mordischen und reubischen Rotten der Bawren‘ an Deutlichkeit nichts schuldig: ‚Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wie man einen tollen Hund erschlagen muß.‘ Das schrieb er 1525, nach den ‚Weinsberger Blut-Ostern‘, als sich die Niederlage der Bauern schon abzeichnete. Also spielte die Kirche auch bei den Protestanten eine für die weltliche Obrigkeit machterhaltende Rolle. Der Rachefeldzug der Fürsten entvölkerte und verwüstete ganze Landstriche.

Es ist Theresa nicht zu verdenken, daß sie sich davon distanziert. Sie ist offenbar katholisch erzogen; die Protestanten sehen in Brot und Wein lediglich Brot und Wein, nicht Leib und Blut Christi. Als Frau hat sie bei den Katholiken auch heute nicht mehr zu sagen, als ihre Namensvetterin damals, die für alles um Erlaubnis bitten und sich selbst beim Schreiben der Inquisition wegen so verrenken mußte. Freilich finden sich in den Konstitutionen keine der Vorrechte, die sich der Klerus hierzulande herausnahm. ‚Die Kehrordnung‘, so schreibt Teresa im Kapitel von den niederen Ämtern (22.), ‚beginne mit der Mutter Priorin, damit diese den Schwestern in allem mit gutem Beispiel vorangehe‘. Und:

Für die Priorin und die Schwestern, die schon lange im Kloster sind, soll nicht mehr getan werden, als für die anderen …‘

Zu Kleidung und Bettzeug äußert sich Teresa im Kapitel vom Fasten (11. bis 14.) im Punkt 12: Die Kleidung sei aus grobem Leinen oder Wollstoff, es solle sowenig Stoff wie möglich verwendet werden, …

Im Punkt 13 ist dann die Rede von Kleidung „aus eben dem braunem Wollstoff“, so wie ihn früher die Mönche getragen hatten. Nur wird der heute weder so billig wie damals, noch so praktisch sein. Aber Teresa ist wohl die Sparsamkeit wichtiger gewesen, als ein bestimmter Schnitt und die Farbe des Stoffes, nehme ich an. Und da liegen die Mädels hier mit ihren schwarzen Kostümen doch gar nicht so verkehrt.

Außerdem bezieht sich Teresa in dem Kapitel vom Fasten auch auf die ursprüngliche Regel der Karmeliten und verbietet das Verzehren von Fleisch, soweit man nicht auf Reisen sei, mit der Weigerung Gastgeber und Spender beleidigen könnte oder es sonst dafür eine Notwendigkeit gäbe. Und das, obwohl man das Vieh damals noch nicht mit Antibiotika mästete. Heute ist dieses Verbot schon gar nicht mehr von der Hand zu weisen:

Wurden doch gerade jetzt in China Gene entdeckt, durch die Bakterien gegen sämtliche derzeit bekannten Gegenmittel resistent werden können. In China gehen sowohl die Bauern, als auch die Krankenhausärzte noch sorgloser mit Antibiotika um, als man sich das hierzulande vorstellen kann. Die Hälfte aller Mastschweinebestände wird in China gehalten. Und die deutsche Bevölkerung kauft ihre Lebensmittel dort, wo sie am billigsten sind. Dabei müßten gläubige Christen eigentlich nach einem Blick ins Alte Testament (3. Buch Mose, Kapitel 11), ebenso wie Juden und Muslime einen großen Bogen um die hiesigen Metzgertheken machen. Bei weitem nicht die einzige Überraschung, die das Alte Testament unbedarften Lesern zu bieten hat. Das hat etliche Textstellen, die hierzulande eher (oder lieber) dem Koran zugeschrieben würden.

Was folgt aus den Konstitutionen außerdem für mich? Zur Aufnahme der Novizinnen schreibt Teresa:

‚21. …

Die Laienschwestern, die aufgenommen werden möchten, seien kräftig, und es sei ersichtlich, daß sie Menschen sind, die dem Herrn dienen wollen. Sie verbleiben ein Jahr ohne Habit, damit man erkennt, ob sie für ihre Aufgabe geeignet sind und damit sie selbst erkennen, ob sie diese durchhalten können. Sie sollen keinen Schleier vor dem Gesicht tragen, noch soll ihnen der schwarze Schleier gegeben werden. Zwei Jahre nach ihrer Einkleidung sollen sie Profeß ablegen, außer wenn sie so tugendhaft sind, daß sie schon früher zugelassen werden dürfen. Sie sollen mit aller Liebe und Schwesterlichkeit behandelt und mit Nahrung und Kleidung versorgt werden wie alle.‘

Daß es mit meiner Gesundheit nun nicht mehr zum Besten steht, ist bekannt – deshalb bin ich ja hier. Mit den damaligen Unwägbarkeiten der Versorgung konnte sich ein Kloster natürlich nicht sehenden Auges Pflegefälle ins Haus holen. Würde ich dem Herrn nicht dienen wollen, so hätte ich mir früher ein anderes Studiengebiet und danach nicht Kirchgemeinden als Abnehmer meiner Arbeiten gesucht.

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Nur die täglichen Gebete standen auf meiner Liste nicht immer ganz oben.

Und der Gesichtsschleier … Darüber habe ich ja im letzten Jahr schon geschrieben. Nicht, weil ich wirklich an dem Kleidungsstück interessiert gewesen wäre. Mir wurde nur die Perfidie zuwider, mit der man im Westen den Muslimen etwas vorhält, was dem Christentum ebenso zu eigen ist.

Vergleicht man Teresas Konstitutionen mit denen des Kapitels von Alcalá, dann fällt auf, daß die Weisung an die Laienschwestern, keinen Schleier vor ihrem Gesicht zu tragen, im revidierten Text von 1581 fehlt.

Dort blieb nur der zweite Halbsatz, wonach man ihnen keinen schwarzen Schleier geben solle. Aber als die Neugründungen schon wie Volksfeste gefeiert wurden, nahm Teresa dazu auch Laienschwestern mit. Die ließ sie sicher nicht durch die Massen Spießruten laufen. So erklärt sich wohl, weshalb auf dem einen oder anderen Bild auch eine Schwester mit einem weißen Schleier zu sehen ist.




Nachdem Teresa nun an der Kleidung und am Bettzeug jeden Schmuck verboten hat (13.) und die Schwestern gar nichts besitzen (vom Zeitlichen, 10.), ja noch nicht einmal einen Spiegel haben durften (14.), paßt Schmuck im Gesicht natürlich erst recht nicht in die Landschaft. Zwar hätte ich die Stifte an der Nase einfach herausziehen können. Stattdessen hat Sybille das rote Bandana auf den Tisch gelegt und mir das Verwerfliche an meiner Eitelkeit direkt vor Augen geführt.

Teresa war, das merkt man an vielen Stellen ihrer Bücher immer wieder, stets auf das Klima in ihren Klöstern bedacht. Dazu stellte sie in den Konstitutionen eine ganze Reihe Regeln auf. So hat sie nicht nur Fleisch verboten, sondern auch (für mich als Gast dänischer Bauern völlig überflüssig), über das Essen zu meckern (22). Verstöße dagegen belegte sie mit für uns drakonisch anmutenden Strafen. Die muß man natürlich im Kontext der damaligen sozialen Verhältnisse sehen, die für Frauen selbst gehobenen Standes in vielerlei Hinsicht durch Recht- und Ausweglosigkeit geprägt waren. Bei ihrer ersten Gründung machte Teresa gleich vier arme Waisen auf einmal zu Novizinnen, die mangels Mitgift weder heiraten, noch in einen anderen Orden eintreten konnten.

Ich werde wohl eine Weile brauchen, bis ich Teresa wirklich verstehe. Ihre Ideale, Selbstverleugnung, Enthaltsamkeit und selbst gewollte, nicht aufgezwungene Armut, sind mir ja so nicht unbekannt. Aber dazu, so meinte ich bislang, müßte man erst einmal etwas besitzen, dem man entsagen kann. Ich habe ja nichts außer dem bißchen Hausrat. Will ich hier bleiben, dürfte ich mir um die Sachen gar keine Gedanken machen. Es wäre aber Unsinn, etwas wegzuwerfen – Bücher nun schon gar nicht. Theresa könnte alles versilbern, was sie nicht für die Bibliothek und die Küche gebrauchen kann. Schließlich habe ich hier Schulden. Und wenn dann noch etwas übrig bliebe, könnten sie es für die Kirche verwenden oder Medikamente für Katrins Patienten unter der hiesigen Berberschaft kaufen.

Es klopft, das ist Anke mit dem Abendbrot. Ich schalte den Laptop aus. Während ich mir das Leinentuch überziehe, sehe ich auf dem Vollkornbrot ein paar dicke Scheiben Samsø liegen. Den hat uns heute die Bäuerin aus Bov mitgebracht.

Nach dem Abendbrot erinnere ich mich, daß Anke ein paar ‚Niqabs‘ bestellen sollte, damit ich mir die

katrin_IMG_2811

Augen verhüllen kann. Das sagte mir gar in dem Moment gar nichts, in den hiesigen Redaktionen wird ja alles ‚Burka‘ genannt, was nicht zur europäischen Mode paßt. Woanders ist man offenbar schlauer:

katrin_DurToon_Niqab

Hier wird auch erklärt, wie die Araberinnen sich so ein Teil anziehen:

haven't got photo

Beim Blättern durch die Bilder fällt mir auf, daß der Schleier der früheren Karmelitinnen genauso wie ein Niqab ‚funktionierte‘:

katrin_nun-muslima

An der Stirn befestigt, wird er entweder nach hinten gezogen oder eben vor dem Gesicht getragen. Dazu muß er nur lang genug sein.

katrin_bosnier

Bei den Bosnierinnen auf dem Bild aus den Vierzigern sieht das etwas anders aus.

So kurz, wie dieses Stück Stoff war, konnte es auf dem Kopf ja gar nicht liegen bleiben. Demnach dürften die ebenso wenig wie Theresa und ihre Mädels einen Anlaß gehabt haben, unterwegs das Gesicht zu entblößen.

Aber nun ab ins Bett.

 

© Peter, geschrieben für TOTV 2015

 

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